„Mich treibt an,
was ich für richtig halte“

Als Sarah Wiener vor dreieinhalb Jahren einen Biohof in Angermünde kaufte, zog sie dort auch gleich ein. Inzwischen ist sie wieder ausgezogen und wirkt als „Chefideologin“ im Hintergrund von Gut Kerkow

Text Stéphanie Grix
Foto Eberhard Schorr

Die Kuhglocke im Hofladen läutet Gemütlichkeit ein, aber dafür ist jetzt keine Zeit. Sarah Wieners Termine sind straff getaktet, was auch daran liegen mag, dass sie an vielen Tagen im Jahr gar nicht dort ist, wo man sie hauptsächlich erwartet – auf Gut Kerkow, dem Biohof in Angermünde, den sie vor dreieinhalb Jahren mit zwei Partnern gekauft hat und in dem sie so viele Dinge anders, ja, vor allem besser machen will, als es in der konventionellen Landwirtschaft üblich ist. Nun eilt sie in einem geringelten T-Shirt-Kleid an einen langen Holztisch ganz hinten im Hofcafé, wo schon eine halb leer getrunkene Latte macchiato wartet. Sie legt ihr Handy hin, verteilt Wasser aus einer Karaffe auf Gläser und beschreibt ihre Rolle auf dem Gut. Nein, sie stehe hier nicht im Kuhstall und miste aus, und schon gar nicht morgens um sieben. Sie sei auch nicht fürs Schweinefüttern verantwortlich und fahre auch nicht mit dem Trecker herum. „Natürlich helfe ich mal rechts und links mit“, sagt die 55-Jährige, „aber da bin ich eher die Praktikantin. Das können andere besser.“

Zumal es ja noch so viel mehr Aktivitäten in Wieners Leben gibt und man sich ohnehin fragt, wie viele Stunden ein Tag für sie haben muss: ihre Stiftung, mit der sie aus Kindern aufgeklärte Esser und Köche machen will, ihre Cateringfirma, ihr Restaurant im Hamburger Bahnhof in Berlin, ihre Kochbücher, ihre eigene Bäckerei und ihre Reisen: Gerade erst war sie wieder drei Wochen für Kochkurse und große Kochevents gebucht.

„Vielfalt und Individualität sind wichtige Themen für mich“, sagt die Frau, die die meisten Menschen als Köchin aus dem Fernsehen kennen, wie zur Bestätigung. Und das mit der Organisation regelt sie nach einem einfachen Prinzip: „Ich investiere meine Zeit immer dort, wo ich glaube, das braucht’s gerade am notwendigsten.“

Auf Gut Kerkow im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin, wo Sarah Wiener die letzten drei Jahre auch gelebt hat, sieht sie sich vor allem als „eine Art Chefideologin“, die im Hintergrund die richtigen Fragen stellt: „Welche Rinderrasse sollte man wie und warum halten? Was ist unsere Vision?“ Sie will eine gute Energie fließen lassen. Die Hofmitarbeiter, 25 sind es, sollen sich wohlfühlen – aber auch gefordert werden. Viele von ihnen waren schon da, als Gut Kerkow noch einen anderen Besitzer hatte. Die Stimmung in der Übergangsphase muss schwierig gewesen sein.

„Die Bienen dürfen bei mir tun und lassen, was sie wollen. Sie dürfen Freigeister sein, wie ich einer bin“

Die roten Klinkerbauten auf Gut Kerkow stehen unter Denkmalschutz. Dazu gehört auch der Stall, in dem sich die Rinder an frischem Heu satt fressen und der direkt an die Schlachterei grenzt. Im Speicher daneben sind der Hofladen und eine Galerie untergebracht, wie „Aufs Land“-Autorin Stéphanie Grix von Sarah Wiener erfährt. Im Haus mit dem weißen Giebel wohnen Mitarbeiter, außerdem „regiert“ hier die Verwaltung

Sarah Wiener mag eine harte, strenge Seite haben – sie hat aber auch eine sehr herzliche. Die beiden blutjungen Imker aus Norddeutschland, die gerade in der Nähe sind und ins Interview hineinplatzen, weil sie ihre Bienenvölker gern auf dem Hof unterbringen würden, werden bei aller Zeitnot und obwohl es ein „nein“ als Antwort auf ihre Frage gibt, überschwänglich begrüßt und nach ihrem Honig befragt. „Früher waren Imker ja alte Säcke“, sagt Wiener, als die beiden wieder weg sind. Sie freut sich einfach, daß sich zwei Anfangzwanziger für die Bienenzucht engagieren. Sie hat nämlich selbst sechs bis acht Völker auf Gut Kerkow stehen, und „die sind wirklich ganz allein mein Job“. Sie sei eine Extremimkerin, meint sie mit einem Augenzwinkern, denn sie halte die Völker nicht, um Honig zu gewinnen. „Die Bienen dürfen bei mir tun und lassen, was sie wollen. Sie dürfen Freigeister sein, wie ich einer bin. Dürfen ihre Waben selber bauen, auf ihrem eigenen Honig überwintern. Die Biene braucht uns nicht, und ich will sie nicht dominieren – wie wir Menschen es an anderer Stelle oft tun. Es ist mir ein Bedürfnis, etwas möglichst richtig zu machen.“ Wenigstens im Kleinen. Im Großen geht das manchmal nur in der Theorie.

Sarah Wiener ist in Wien bei ihrer Mutter aufgewachsen. Seit sie als Kind mal eineinhalb Jahre auf einem Bauernhof in der Steiermark war, habe sie davon geträumt, später auf dem Land zu leben. „Ich hatte diese Sehnsucht in mir, in der Natur zu wohnen und mich von meiner eigenen Hände Arbeit zu ernähren. Mich mit dem Land und dem, was da wächst, zu verbinden.“ Aber natürlich sah in ihrer Phantasie alles ganz anders aus, als es am Ende geworden ist. Dass es kein kleiner Bauernhof, sondern eine 800 Hektar umfassende Landwirtschaft wurde, dass hier keine zehn Rinder über den Hof laufen, sondern 200, und dazu 30 Schweine, und dass sie nicht ins Allgäu oder nach Österreich gezogen ist, sondern nach Brandenburg. Manches kommt eben anders …

Der Hof sei völlig marode und verschuldet gewesen, als er zum Verkauf stand. Ausschlaggebende Gründe dafür, Gut Kerkow trotzdem zu übernehmen, „waren die Nähe zu Berlin und dass es hier eine eigene Schlachterei und auch eine Fleischerei gibt. Man findet in Deutschland nämlich kaum noch einen Hof, auf dem sich der ganze Kreislauf abspielt: wo die Tiere auf die Welt kommen und sterben. Und dann auch noch verarbeitet werden.“

Sarah Wiener kann sich an einzelnen Worten aufhängen, wenn sie ihr nicht treffend erscheinen. So mag sie das Gut nicht als „Besitz“ ansehen. „Ich empfinde, dass es eine Aufgabe ist, dass wir etwas geliehen bekommen haben für 30, 40 Jahre und schauen sollten, den Boden so zu bewirtschaften, dass er fruchtbarer wird, und dass wir schmackhafte Lebensmittel herstellen, die im richtigen Geist handwerklich gut gemacht sind.“

Sie lässt keinen Zweifel daran, dass die Herausforderung riesengroß ist. „Wenn ich als theoretische Landwirtin, und das bin ich ja, mit der Praxis konfrontiert werde, schlucke ich schon manchmal und hole mir blaue Flecken. Aber ich verstehe inzwischen auch besser, warum es bestimmte Entwicklungen gibt, die ich eigentlich ablehne.“ Auf einen simplen Nenner gebracht heißt das: Wenn man alles hundertprozentig nachhaltig und so gut wie möglich machen will, bleibt kein Gewinn. Ohne Gewinn kann aber keiner überleben. „Es müssen ständig Überlegungen gebündelt werden, um eine Lösung zu finden. Und dann kommt dazu: Viele Menschen hier in der Uckermark haben kein Geld, um sich bio leisten zu können, oder wissen zu wenig über ökologische Lebensmittel – auch damit müssen wir uns auseinandersetzen.“ Wieners Handy klingelt, und sie geht dran.

Im Hofladen ist alles bio – von der Milch bis zur Kartoffel. Fleisch und Wurst kommen ausschließlich von selbst aufgezogenen und auf dem Hof geschlachteten und verarbeiteten Tieren. Ist Paarungszeit, hat der Bulle (mit Ring durch die Nase) die freie Auswahl – er darf dann zu den Kühen in den Stall

Ja, wer kommt denn da? Die Rinder
grasen auf 200 Hektar Wiesenfläche –
meistens vollkommen ungestört

Ist Gut Kerkow denn so eine Art „Endstation“ – oder gibt es schon wieder die nächste Idee? Sie muss lachen. „Ich denke immer: das ist es jetzt, sonst würde ich mich nicht so hineinwerfen. Das gilt für den Beruf genauso wie für die Liebe.“ Am Ende sei dann aber doch alles immer viel schwieriger, zeitaufwendiger und teurer als angenommen.

Und so ist es jetzt eben auch mit dem Haus, das sie gebaut hat. Die letzten drei Jahre war Sarah Wiener auf Gut Kerkow zu Hause, jetzt ist sie in ein nachhaltiges Mondholzhaus in der Nähe gezogen. „Ich habe das gemacht, weil es auf dem Hof keine private Ecke gibt. Und weil ein einziges Zimmer in meinem Alter ein bisschen wenig ist.“ So ist sie nach wie vor dicht dran – hat aber doch Distanz.

Die Frau strotzt vor Energie und Temperament, hatte aber noch nie einen langfristigen Plan. „Mich treibt mein Instinkt, meine Lust – und vor allem das, was ich für richtig halte.“ Wieder lacht sie. Und hat auch gleich ein Beispiel: „Wenn mich etwas berührt oder empört – wie zum Beispiel die Tatsache, dass mir industriell hergestelltes Brot überhaupt nicht schmeckt –, dann habe ich die Idee, eine Bäckerei zu machen. Und mache die auch. Merke aber erst hinterher: was für ein Irrsinn! Du hast überhaupt keine Ahnung! Aber dann arbeite ich mit meinem Team drei Jahre daran, mache noch drei Jahre lang Miese und müsste den Laden eigentlich schließen. Stattdessen haben wir einfach den Brotpreis so erhöht, dass wir davon leben können. Seither läuft es, und es macht mich unglaublich happy, dass wir ein so tolles Brot und so tolle Handwerksbäcker haben. Ich liebe es, wenn man etwas mit allen Sinnen erspüren kann.“

Sie kennt keine Berührungsängste. Nicht mit Menschen und auch nicht mit Tieren. Bei den Schweinen soll jetzt ein Foto entstehen. Sie rennt fast zum Stall, schwingt sich über die Absperrung in die Box. „Ja, Wutzili, ja wos denn?“, lockt sie eine Sau mit Futter. Für Minuten ist der enge Zeitplan vergessen.

Sarah Wiener hat sich immer weiterentwickelt. „Viele Köche können einem zeigen, wie man ein Schnitzel brät“, sagt sie, „aber wenige können ernährungspolitisch ihr Wissen mit anderen teilen. Und ich glaube, das ist in meinem Fall wichtiger.“ Ob es um Zusatzstoffe in Lebensmitteln, um zu viel Zucker oder um Fertigprodukte geht: Sie hat eine Meinung, legt sich mit der Nahrungsmittelindustrie an und sagt Sätze, die manch einer nicht hören will: „Pestizide richten einen größeren Schaden an, als wir hinlänglich wissen.“

Aber wenn alles gesagt und getan ist, dann freut sie sich auf ihren Garten. Der gehört nämlich dazu, zu dem Haus, das sie gekauft hat. 5000 Quadratmeter sind es. „Im Vergleich zu Gut Kerkow ein Spuckerl“, wie sie meint, aber für einen Privatgarten natürlich riesig. „Ich habe an die dreißig Obstbäume, von der Maulbeere bis zur Quitte. Es gibt allein acht verschiedene Apfelbaumsorten, und ich ernte meine eigenen Kartoffeln.“

Dann steht plötzlich dieser Satz im Raum: „Mein Traum ist es, gar nichts mehr zu machen.“ Sie betont noch einmal: „Mein TRAUM.“ Und dann: „Ich würde am liebsten den ganzen Tag in meinem Garten herumspringen, die Bienen beobachten, den Kirschen beim Wachsen zusehen und meine Äpfel einkochen. Dann würden ein paar Freunde am Tisch sitzen und irgendwann auch wieder gehen – damit ich etwas Ruhe für mich hab. Und dann kommt mein Sohn ( Artur, 31, aus einer früheren Beziehung; Anm. der Redaktion ), und ich habe überhaupt keinen Stress in meiner eigenen kleinen, paradiesischen Welt.“

Und was hindert Sie daran, so zu leben?

„Ich bin zu jung für die Rente.“

flag_icon_al
Feines Fleisch vom Black-Angus-Rind
Gut Kerkow gehörte im 18. Jahrhundert einer preußischen Adelsfamilie und war damals ein Zuchtbetrieb für Merinoschafe. Heute wird auf dem Gut, das eingebettet zwischen Wiesen, Weiden und sanften Hügeln im Biosphärenreservat Schorfheide- Chorin liegt, eine ganzheitliche Landwirtschaft mit kurzen Wegen praktiziert. Im Zentrum: die Herstellung von Biofleisch und -wurst vom Black-Angus-Rind bzw. Hausschwein. Die Produkte können sowohl im Hofladen (insgesamt 1000 Artikel) als auch online gekauft werden. Eine eigene Biogasanlage versorgt das Gut mit Energie und Wärme.
Gut Kerkow
Greiffenberger Straße 8
16278 Kerkow
Tel. (03331) 262 90
Fax (03331) 26 29 39
E-Mail: gutshof@gut-kerkow.de
www.gut-kerkow.de