Über uns der Himmel, unter uns die Seen

Einmal Huckleberry Finn und Tom Sawyer sein – zumindest für ein Wochenende.
Zwei große Jungs haben den Selbstversuch mit einem Floß auf der Havel gewagt

Text Marc Oliver Rühle
Foto Madlen Krippendorf

Zahlreiche Reisen führen mich regelmäßig in die Weiten dieser Welt, doch ankommen will ich am Ende immer wieder in Berlin. Hier darf ich sein, wer ich bin, hier fühle ich mich frei, hierhin sind viele meiner Weggefährten gezogen, aus dem gleichen Grund. Aber gerade im Hochsommer, wenn die Stadt mit ihrer urbanen Masse unerträglich wird, die Luft in den heißen Straßen steht und jedes Fleckchen Grün überbevölkert scheint, zieht es mich doch fort. 

Gesagt, getan: Der Regionalexpress zieht sich aus dem Glasgewölbe des Hauptbahnhofes und bringt uns nach nur einem Stündchen Fahrt in eine ganz neue Welt – nach Fürstenberg. Wir kaufen Streuselkuchen als Proviant für das erste In-See-Stechen in einer Bäckerei, die sich seit der Wende augenscheinlich kaum verändert hat. Dann geht es endlich ans Wasser. Der Anleger mit den Flößen liegt an einer breiten Wiese am Baalensee, einem der drei Seen, die das mittelalterliche Städtchen umsäumen. Dort richten wir unser schwimmendes Baumhaus ein, tanken Frischwasser. Es gibt eine kleine Kochnische, eine Art Doppelstockbett, ein großes, stabiles Dach, dort haben wir unsere Räder raufgehievt. Nach Anleitung durch den Floßverleiher und Probefahrt legen wir ab. Schon bald können wir unsere Seetauglichkeit an der ersten Schleuse testen. Das sieht noch nicht so souverän aus, doch breite Gummiriemen schützen das Holz des Floßes vor Pollern, Bojen und Schleusenmauern. Kaum haben wir diese erste Hürde genommen, sind wir der unmittelbaren Zivilisation schneller entkommen, als wir gedacht haben. Es gibt nur noch Fahrtwind, Frischluft und zwei Flaschen Bier. Klingt nach Werbung, fühlt sich aber verdammt gut und echt an. Wir stehen zusammen am Ruder, Friedrich steuert, ich lehne mit meinem Arm an seiner Schulter, alles gut.

In den frühen Morgenstunden
dampft das Wasser und eine
große Stille herrscht
Nachdem die Fahrräder an Bord gehievt wurden, kann es losgehen

Jugenderinnerungen wiederzubeleben. Auf einem Hausfloß. Huckleberry Finn und Tom Sawyer – quasi auf dem Mississippi Brandenburgs.Gesagt, getan: Der Regionalexpress zieht sich aus dem Glasgewölbe des Hauptbahnhofes und bringt uns nach nur einem Stündchen Fahrt in eine ganz neue Welt – nach Fürstenberg. Wir kaufen Streuselkuchen als Proviant für das erste In-See-Stechen in einer Bäckerei, die sich seit der Wende augenscheinlich kaum verändert hat. Dann geht es endlich ans Wasser. Der Anleger mit den Flößen liegt an einer breiten Wiese am Baalensee, einem der drei Seen, die das mittelalterliche Städtchen umsäumen. Dort richten wir unser schwimmendes Baumhaus ein, tanken Frischwasser. Es gibt eine kleine Kochnische, eine Art Doppelstockbett,

Wenn die Zeit plötzlich ganz
langsam zu ticken scheint, baumelt
es sich am besten
Für ein Frühstück an einem der
Stege festgemacht – da kann man
auch einen der Angler mit einem
Kaffee an Bord bewirten

Nachdem wir eine gute halbe Stunde lang ziellos einfach gen Nordwesten drauflosgeschippert sind, werfen wir Anker und springen endlich zum ersten Mal ins Wasser. Es fühlt sich weich und warm an. Um uns herum ist es still. Nur ein leichter Windstoß geht durch das Schilf. Da kann man sich schon mal zujubeln, genau jetzt genau hier zu sein – vor allem: gemeinsam, nach viel zu langer Zeit. Zuletzt hatten sich bei uns beiden Veränderungen ergeben, die wir abgleichen müssen: Ortswechsel, Trennungen, neue Jobs. Währenddessen geht die Fahrt immer weiter und wir warten geduldig auf das Öffnen einer der zahlreichen Schleusen. Viele Charterboote liegen vor uns, an den Anlegern festgemacht. Hätte man den Schleusenplan aufmerksam studiert, würde man effektiver zwischen den Seen vorankommen. Aber uns treibt nichts. Mit dem nächsten Schub werden wir es nicht schaffen. Wir freunden uns damit an. Das ist das Havelland, hier wartet man eben. Irgendwann heißt es aber: freie, volle Fahrt voraus – und jetzt kommen auch die Gespräche immer mehr in Gang, eine Hand am Steuer, eine am Streuselkuchen. Wir reden und können recht schnell wieder die Vorhänge fallen lassen, pur voreinander sein. Die Natur um uns verstärkt das Gefühl, bei sich zu sein – aber eben auch bei dem anderen …

Die Natur um uns herum verstärkt das Gefühl, bei sich zu sein – aber eben auch bei dem anderen …

Guter alter Streuselkuchen, allerdings an Land, das
morgendliche „Mann über Bord“ – und viele dieser
Momente, die wir nicht nicht vergessen werden, als die
Natur um uns schlicht und einfach überwältigend war

Vereinzelt machen wir Bootsschuppen am Ufer aus, Wochenendhäuser, Datschen, neugierige Enten und Schwäne, Graugänse und so unendlich viele Bäume hinter, zwischen und vor den Seen. Alles vermischt sich miteinander, die Landschaft mit den Freundschaftsdingen. Wir müssen auf der Karte nachschauen, wo unser Wasser weitergeht, so geschlossen wirkt die Bewaldung. Ist das hier etwa schon Kanada?

Die letzte Schleuse vor der Nacht ist erreicht, hier geht es eng zu, ein Kahn mit Waldarbeitern, Hausboote, Kanuten. Alle warten. Wir sind schon daran gewöhnt und gehen an Land, streunen durch die Gegend und kehren mit reicher regionaler Beute zurück: echten Freilandeiern, Frischmilch, Johannisbeeren und Sanddornschnaps. Hier ist die Zeit wirklich stehen geblieben. Ein zugewachsenes, knallrotes Klettergerüst erinnert mich an meine DDR-Kindheit. Auf dem Rückweg entdecken wir eine Forellenzucht und gönnen uns zwei Geräucherte für die Nacht. Bereits ziemlich tiefenentspannt werfen wir Anker, irgendwo, mitten im Nichts. Mit unseren Schlafsäcken machen wir es uns ganz oben auf dem Floß gemütlich. Das leichte Schaukeln und Schwappen macht uns selig müde. Unsere Handys haben kaum einen Balken Empfang, auch für digitale Diät ist also gesorgt. Der Himmel ist jetzt ganz klar. Gleich werden die Sterne über uns herfallen. Der ganz große Kitsch.

Irgendwann treibt uns die Kälte von den Isomatten, die Nacht hat uns ausgekühlt, es dämmert bereits ganz sacht. Die Petroleumlampe leuchtet dagegen an. Der See liegt jetzt unter dichtem Nebel, die Wasseroberfläche dampft. Aus Grautönen entwickelt sich ein zartes Rot. Wir sitzen in unsere Schlafsäcke gehüllt auf dem feuchtklammen Floßdach und wachen mit dem neuen Tag behutsam auf. Die Stille ist berührend. Und auch das macht uns aus, dass wir jetzt auch miteinander schweigen können. Vor unseren Augen erscheint eine große, gewaltige Sonne und wir blinzeln dagegen an. Bald darauf lassen wir uns einfach zur Morgendusche ins Wasser fallen. Purer Luxus.

Während wir in der Sonne trocknen, brüht auf unseren zwei Kochplatten derweil Kaffee und ein echtes Havellandrührei brutzelt vor sich hin. Der See hat jetzt ausgedampft, die Luft ist klar und windstill, satte Farben, die Mücken tanzen, die Schwalben jagen hoch am Himmel, der frische Tag erwärmt sich, wie im Bilderbuch. Wir entscheiden uns für einen Landgang, denn immerhin haben wir noch unsere Fahrräder dabei. Und so radeln wir einfach los. Über Land, an Pappeln, Birken, an einer Dorfkirche, einer Bungalowsiedlung vorbei, an Eichen, dicken Buchen, Hochständen, Gaststätten, einem Dreiseitenhof, Schafherden. Wir fahren über alte LPG-Platten, Feldwege, Pflastersteine und durch wunderschöne Alleen. Nach Mittagsschlaf und Lektüre im Gras steht ein Picknick am Seeufer an. Schwäne gründeln, die Sonne strahlt, wir schweben, dösen herum, sind völlig eingenommen vom massiven Grün.

Die Räder zurück an Bord schippern wir gen Osten zurück. Die Schleusenschlusszeiten sorgen für Verkehr, wir winken und winken, wie es sich für echte Freizeitkapitäne gehört. Auf Totholz im seichten Wasser sitzen Reiher – auch die Fische springen wieder und wir werfen Anker für die Nacht. Fürs Abendbrot wird das Dach gedeckt: geräucherte Forelle, Gurkensalat, neue Kartoffeln. Wir sitzen auf unseren Schlafsäcken, schnell wird es klamm. Wieder deutet sich eine sternenklare Nacht an, die Lichtverschmutzung des Himmels ist hier derart reduziert, dass die Sternschnuppen nur so regnen, die Grillen zirpen von den Wiesen herüber, irgendwo ruft ein Käuzchen. So sitzen wir noch ewig, betten uns dann unter dem Firmament und sind total in Huckleberry- Finn-Stimmung, wälzen eine Kindheitsgeschichte nach der anderen.

Die Landschaft und Einsamkeit erinnert uns viel mehr
an Kanada oder Neuseeland als an Brandenburg, ohne
dass wir jemals dort gewesen wären …

Nur unfreiwillig wachen wir am nächsten Tag auf, unserem letzten. Es fällt schwer, jetzt an das Ende des Abenteuers – sprich die Abreise – zu denken. Deshalb heißt es erst einmal wieder: Mann über Bord! Den Kopf unter Wasser schwebt alles Erlebte ganz verträumt und verlangsamt vor meinen Augen vorüber. Ich begreife, wie sehr diese gemeinsamen Ausflüge, diese bewusst miteinander verbrachten Momente notwendig sind, um eine Freundschaft aufrechtzuerhalten und wieder zu vertiefen. Um Räume zu schaffen für aufrichtige Gespräche und die Gewissheit, dass zwischen uns irgendwie doch alles immer noch wie früher sein kann. Dafür braucht man Zeit – und den richtigen Ort. Und den haben wir hier definitiv gefunden …

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Alles im Floß
Das passende Floß findet man
etwa beim Verleih „TreibGut“,
der drei Stationen rund um
Berlin betreibt.
www.flossverleih-treibgut.de