Die schrägsten Vögel der Stadt

Nahrungsparadies und sichere Festung: Habichten geht es in der Hauptstadt blendend. Auf dem Land dagegen haben die Erzfeinde der Taubenzüchter ein echtes Imageproblem

Gik! Gik! Gik! Gik! Während Dr. Norbert Kenntner in etwa 20 Metern Höhe auf einem Baum vorsichtig das Nest eines Habichtpaares untersucht, tut das Muttertier unmissverständlich kund, dass ihm das ganz und gar nicht behagt. Es kreist um den Baum, kommt dem Biologen immer näher, dann plötzlich setzt es sich in seinem Nebenwohnsitz ein paar Bäume weiter zur Ruhe und beobachtet aus sicherer Entfernung, wie der Forscher sich an seinen kostbarsten Besitz macht: die Brut. Und das mitten in Berlin!

Männliche Habichte (oben) sind etwa ein Drittel kleiner als die Weibchen. Habichtpaare sind Romantiker: Sie bleiben sich in der Regel treu, bis einer der Partner verstirbt. Auch Umzüge vermeiden sie, wechseln aber zwischen verschiedenen Nestern in einer Umgebung

„Es sind zwei!“, ruft Kenntner begeistert vom Baum seiner Lebensgefährtin, Tierärztin Dr. Beate Ludescher, zu. Die flauschigen Jungvögel schlagen noch einmal mit den Flügeln und lassen sich dann einzeln in den mitgebrachten Jutebeuteln verstauen. Eine Menge Seile und Taschen hat Kenntner mit hoch auf die Douglasie genommen, als er mit Steigeisen den Baum hinaufgeklettert ist. Die Technik: „Wie ein Specht“, sagt er selbst. Eines der Taue befestigt er nun an den Baumwolltaschen und seilt diese dann vorsichtig ab. Unten nimmt eine der ehrenamtlichen Kolleginnen die höchst lebendige Fracht entgegen und bringt sie zu Ludescher. Und dann folgt die eigentliche Mission des dreisten Nestraubs: beringen, wiegen, Flügellänge messen, Geschlecht und Alter bestimmen, Federprobe und Rachenabstrich nehmen. Kurzum: eine Art Kinderarztuntersuchung für Habichtnachwuchs im Dienste der Wissenschaft.

Geübt hängt Ludescher den Beutel an eine Waage und staunt über das Gewicht des Jungvogels: schlappe 760 Gramm. Vier Wochen muss das Tier alt sein, dafür ist es ganz schön proper. Endlich befreit spannt das kleine Männchen die Flügel auf und versucht sich in einer Drohgebärde – inklusive weit aufgerissenen Schnabels. Noch sieht das ziemlich lustig aus – die Tierärztin muss lachen. Aber ausgewachsen ist mit den Greifvögeln nicht mehr zu spaßen. Gefährlich sind nicht die Schnäbel, sondern die messerscharfen Krallen, mit denen die Tiere sich ihre Beute greifen. Norbert Kenntner trägt deshalb seit einiger Zeit dicke Lederjacke und Helm, wenn er in die Baumkronen steigt. Es kommt nämlich durchaus vor, dass die Vogelmütter den Nestraub nicht so gefasst hinnehmen wie das Weibchen hier, auf einem Friedhof im Norden Berlins.

Das Phänomen der Stadthabichte ist relativ neu. Erst seit den 80er-Jahren halten sie sich in Berlin auf. Die deutsche Hauptstadt gilt als das Mekka für Habichtfans. Aus aller Welt reisen Vogelliebhaber an, um die Tiere zu beobachten. Da sie inzwischen bestens an das Großstadtleben gewöhnt sind, kommt man ihnen auch relativ nah. Die Scheu vor Menschen ist deutlich zurückgegangen.

Besonders reizvoll am Hauptstadtleben ist für die Vögel die reichhaltige Nahrung. Kaninchen und Tauben en masse – ganzjährig. Greifvogelschlaraffenland. Und so kommt es, dass sich die Habichte nicht nur auf ruhige Friedhöfe zum Brüten zurückziehen, sondern auch in belebten öffentlichen Parks und sogar Schwimmbädern nisten. Wo die Beute ist, sind auch die Vögel. Und wo die Vögel sind, ist auch Norbert Kenntner nicht weit. Seine Arme sind von Kratzern übersät. Einmal pro Jahr stattet er den bekannten Brutstellen einen Besuch in der Baumkrone ab. Die besonders aggressiven Tiere kennt er schon. Aber dass er den Nachwuchs nach dem Raub wieder artig ins Nest legt – und dass das Ganze auch noch im Dienste der Wissenschaft geschieht, scheint die Vogel-Mensch-Beziehung in keinster Weise zu verbessern.

Doch heute stehen die Zeichen auf Habichtharmonie: Während Kenntners Lebensgefährtin behutsam eine Feder rupft und die Daten des ersten Jungvogels dokumentiert, hängt Kenntner im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Baum ab. Da die Brut ja auch irgendwie wieder hoch muss, lohnt es sich nicht herabzusteigen. Er genießt den Ausblick und guckt sich das Nest genauer an. Das ist geschmückt mit Eiche, Douglasie und Birke. Warum Habichte das machen, weiß man nicht genau, möglicherweise zum Schutz vor Parasiten. Vielleicht überdecken die Zweige aber auch nur Beutereste.

Die Jungvögel erdulden das Beringen artig – aber wenig begeistert. Diese hier sind zwischen 21 und 27 Tage alt

„Gekommen, um zu bleiben: Berlin gilt als das absolute Mekka für Habichtfans. 100 Brutpaare gibt es aktuell“

„Gekommen, um zu bleiben: Berlin gilt
als das absolute Mekka für Habichtfans.
100 Brutpaare gibt es aktuell“
Kenntner und sein Team beringen
die Vögel ehrenamtlich, mit
Erlaubnis des Senats

Das zweite Habichtkind an diesem sonnigen Tag Ende Mai ist ein Weibchen und mit dem Gewicht von über einem Kilo noch schwerer als ihr Bruder. Auch sie trägt noch das typische weiße Plüschgefieder, erst mit 40 Tagen wird es durch das charakteristische weiß-braun-beige Federkleid ersetzt. Dass Weibchen schwerer und größer sind als die Männchen, ist bei Greifvögeln so üblich, Habichtdamen sind mit einem Drittel mehr Körpergröße aber ungewöhnlich viel stattlicher als die Männchen. Wenn die Vögel ausgewachsen sind, werden sie etwa 46 bis 63 Zentimeter hoch sein und bis zu 2,2 Kilogramm wiegen. Und trotzdem sind sie nicht leicht zu entdecken im Hauptstadthäusermeer. Dabei lieben die Berliner ihre Habichte und melden fleißig ihre Sichtungen. Oft haben sie bereits Details erspäht, bevor Kenntner kommt. Über die Meldungen freut er sich zwar, aber es ist auch wichtig, die Vögel nicht übermäßig zu stören. Denn es ist schon passiert, dass den Tieren der Rummel unter dem Nest zu viel wurde. Sie flohen. Deshalb vermeidet der Biologe es, die genauen Standorte der Horste, wie man die Nester nennt, preiszugeben.

Auf dem Land hingegen hat der Habicht ein echtes Imageproblem. Als Raubvogel hat er besonders gerne Brieftauben auf dem Gewissen – oder junge Hühner. Obwohl man Habichte nicht jagen darf, rücken einige Geflügelzüchter deshalb auf eigene Faust ihrem Erzfeind zu Leibe, fangen ihn mithilfe von Fallen und töten ihn. In Berlin lebt es sich dagegen fürstlich. Das Dezimieren des Taubenbestands stört hier kaum einen. 100 Brutpaare gibt es in der Stadt aktuell etwa. Nicht an alle Nester kommt man heran, etwa wenn die Bäume nicht kletterbar sind oder der Horst sich auf einem Privatgrundstück befindet. Weil die Vögel aber sehr standorttreu sind, haben Kenntner und sein Team einen guten Überblick über die Population. Dabei helfen ihnen vor allem die Ringe, die sie den Jungtieren verpassen. Die Ergebnisse der Forschung sind vielfältig. Jungsterblichkeit, Reproduktionsleistungen, Todesursachen – inzwischen weiß man eine ganze Menge.

Anwohner erfreuen sich alleine schon an dem Brutnaturschauspiel vor dem Fenster. Rufen sie bei Wildtiertelefon oder Polizei an, leiten diese die Meldungen an Kenntner weiter, der die Tiere ehrenamtlich und mit Erlaubnis des Senats beringt. Neben ihm und seiner Freundin übernimmt Jutta Mann einen sehr großen Teil der Arbeit. Seine Agentin, wie Kenntner sie liebevoll nennt. Sie späht für ihn die Nester aus. Das muss im Frühjahr passieren, nämlich dann, wenn die Bäume noch keine Blätter tragen. Mann kennt die Vögel und weiß in der Regel auch schon, wie viele Junge sich in den Nestern aufhalten. Beim heutigen Fall handelt es sich dann auch noch um einen Promi. Denn beim Muttertier soll es sich um eine Tochter des wohl berühmtesten Hauptstadthabichts handeln: Methusalem.

1999 auf einem Friedhof in Lichterfelde geboren, lebte er ganze 18 Jahre in Berlin, bis er im vergangenen Jahr plötzlich in der Nähe des Kreuzberger Prinzenbads verunfallte und starb. In der Lokalpresse durfte ein Nachruf auf den Starvogel nicht fehlen, der übrigens vor allem deshalb so bekannt war, weil er so zahm war. Methusalem wurde schnell zum Vorzeigehabicht und Lieblingsfotoobjekt. Dank seines stolzen Alters zeugte er eine rekordverdächtig Zahl an Kindern: 40 bis 50 Nachkommen schätzt Kenntner.

Drei Küken im Nest, wie hier bei einer anderen Beringungsaktion, sind Standard. Für Kenntner sozusagen der Otto Normalhorst
Schnabel aufreißen und Gefieder aufplustern
gehört zum Drohgebärdenrepertoire der
Greifvögel. Wirklich gefährlich sind aber nur
die messerscharfen Krallen

Methusalems zwei Enkelkinder haben jetzt jedenfalls genug von ihrer Kinderarztuntersuchung. Wieder im Beutel verstaut, machen sie sich am Karabiner des Zugseils auf den Weg nach oben. Kenntner setzt sie vorsichtig zurück ins Nest und seilt sich dann rasant ab. „Der Teil, der am meisten Spaß macht.“

Danach heißt es Zusammenpacken, kurze Kaffeepause – und dann schnell weiter zum nächsten Nest. Schlimmer als die Kratzer am Arm sind, ist die Zeit im Nacken. Bis Ende Mai muss die Beringung erfolgt sein. Sonst besteht die Gefahr, dass der Nachwuchs beim Anblick des Forschers vor Schreck aus dem Nest springt. Und das wäre tragisch: Denn die Teenagerhabichte können noch nicht richtig fliegen, höchstens ein bisschen segeln.

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Hauptstadthabichte
Wo die Vögel zu sehen sind:
Aktuell brüten unter anderem drei
Habichtpaare im Tiergarten. Wer
sie entdeckt, sollte versuchen,
die Tiere nicht zu stören
www.habicht-berlin.de